Walter Hammel - Ein Urgestein der Reinigungsbranche

Die Liste des Großvaters brachte den Erfolg. Der Beginn einer erfolgreichen Unternehmerkarriere in der Reinigungsbranche.

 


Er musste sein Studium wegen des Zweiten Weltkrieges aufgeben – ein
Glücksfall für Walter Hammel, den dies war der Beginn zu einer erfolgreichen
Unternehmerkarriere in der Reinigungsbranche.

Seine Augen blitzen. „Wir sind mit einem Korb voller Schwämme mit dem Zug in den
Taunus gefahren und haben die dort angeboten“, erzählt Walter Hammel. Das muss
um 1949, 1950 herum gewesen sein. Angekündigt wurden die Besuche bei den potenziellen
Kunden nicht. Mussten sie auch nicht: „Der Korb war meist leer, wenn wir
abends nach Hause gefahren sind.“
Jügesheim, ein kleiner Ort im Südosten Frankfurts. Heute ist Jügesheim ein Ortsteil
der Stadt Rodgau. Hier wird Walter Hammel 1926 geboren. Die Familie betreibt
einen kleinen Handel mit Fensterleder und Naturschwämmen, beliefert wurden vor
allem Tankstellen, Druckereien und Feinledergerbereien im Umland. „Die Schwämme
würden zum Autowaschen, bei der Lederproduktion zum Färben der Felle und in den
Druckereien zum Reinigen der Druckwalzen genutzt.“ Es gab noch weitere Einsatzmöglichkeiten.


Sie waren begehrt und teuer. Ein Stipendium der Reichsbahn
Der junge Walter Hammel interessiert sich nicht so sehr für das Geschäft: Er würde
gern Ingenieur werden, Maschinenbau studieren. Und es sieht gut aus für ihn. Nach
der durch den Krieg verkürzten Schulzeit ist er als 17-Jähriger bereits Student –
Werkstudent würde man heute sagen. Er geht auf die Ingenieursschule in Friedberg
und erhält 20 Mark Unterstützung von der Deutschen Reichsbahn, bei der er angestellt
ist.


1944 endet sein Traum: Er wird eingezogen. Ein Jahr später, Walter Hammel ist gerade
18 Jahre alt, endet der Krieg – und er ist in Gefangenschaft. „Dreieinhalb Jahre“,
sagt er. „In Ägypten.“ Im September 1949 kommt er wieder in seine hessische
Heimat. Er steht vor der Frage, die viele seiner Altersgenossen plagt: „Was soll ich
tun?“


Doch dann wird sein Unternehmergeist geweckt. Sein Großvater hatte einen Großhandel
mit Naturschwämmen und Fensterleder. In einem Lagerraum lagerten noch
einige Bestände an Naturschwämmen, die den Krieg überstanden hatten. Durch
schlechte Lagerung waren die Schwämme vom Staub und Ruß verdreckt. „Mein
Großcousin Thomas Bischof, der in der Branche tätig war, wusste davon.“ An ein
Studium denkt der junge Mann da nicht mehr. Zu verlockend sind die Möglichkeiten:
„Es gab kaum Konkurrenz, und noch war es nicht möglich, Naturschwämme zu importieren.“
Mit dem Lager des Großvaters hatte sich eine ungeahnte Option aufgetan:
Aus dem Studenten wird ein Unternehmer. „Die Bestände waren leicht zu verkaufen“,
erinnert er sich.


Schon früh schließen sie sich dem damaligen Fachverband der deutschen
Schwamm- und Lederimporteure an. „Der hatte da vielleicht 30 Mitglieder in ganz
Deutschland.“ Der Schritt ist der erste in einer Reihe wegweisender Entscheidungen.
Denn durch die Mitgliedschaft erhalten Thomas Bischof und Walter Hammel Zugang
zu den ersten Kontingenten an Naturschwamm, die importiert wurden. „Und so
haben wir das Geschäft angefangen.“ 1949 ging es für Bischof und Hammel los.
Die Anfänge waren beschwerlich und mit vielen Aufgaben für die beiden Partner verbunden.
Die Schwämme - es waren ungereinigte Naturprodukte - mussten in einem
langwierigen Prozess hergerichtet werden: „Die wurden ja einfach vom Meeresboden
abgetrennt. Wenn die hier ankamen waren sie unansehnlich grau mit Muscheln,
Sand und anderes mehr drin.“ Geerntet wurden sie im Mittelmeer, in den Florida
Keys und im Golf von Mexico. „Die besten Schwämme kamen aus Griechenland
und Libyen“.

Die Jungunternehmer verbrachten daher ein Großteil ihrer Zeit in dem Bearbeitungsraum.
Walter Hammels Augen leuchten: „Die Schwämme kamen roh in 25-Kilogramm-
Ballen.“ Zuerst mussten sie in Salzsäurelösung ausgewaschen werden, um
die Muschel- und Kalkreste zu zersetzen. „Anschließend wurden die Schwämme in
frischem Wasser neutralisiert und dann in Natrium gebleicht.“ Walter Hammel lacht
leise: „Das wäre heute so völlig undenkbar.“ So etwas wie eine PSA, eine persönliche
Schutzausrichtung, oder wenigstens säurebeständige Gummistiefel gab es nicht.
„Wenn da was danebenlief, waren die Stiefel hin.“ Er schüttelt den Kopf.
Anschließend wurden die Schwämme nach Größe sortiert und zurechtgeschnitten.
„Das ist schon eine Arbeit gewesen.“ Vor allem im Winter war es keine Freude: „Das
war die schlimmste Zeit.“ Nässe und Kälte lassen Walter Hammel heute noch ein wenig
schaudern.


Erste Kunden gab es schon. Doch so beschwerlich die Arbeiten vor dem Verkauf waren, zumindest die Abnehmer
waren bekannt, es gab immer noch Listen aus der Geschäftstätigkeit des Großvaters.
„Wir haben nicht bei null anfangen müssen“, sagt Walter Hammel, und es klingt
immer noch ein bisschen Erleichterung mit. Die Kunden waren eigentlich bekannt.
Druckereien, Gerber, die Autobranche, Schulen. „Überall sind Schwämme gebraucht
worden.“


„Anfangs sind wir mit dem Zug gefahren. Im Gepäck ein oder zwei Flechtkörbe voll
mit Schwämmen – nach Niedernhausen oder Eppstein.“ Da im Taunus, rund 45 Kilometer
von Jügesheim entfernt, waren die Gerbereien für die Offenbacher Lederwaren,
die großen Bedarf an Schwämmen hatten: „Damals gab es noch keine Spritzmaschinen; man hatte in jeder Hand einen Schwamm, links und rechts vom Leder
standen die Dosen mit den Farben, und dann wurde beidhändig gefärbt.“ Der Bedarf
war immer da. „Ankündigen mussten wir uns nie.“
Später war es dann ein Moped mit Hänger, mit dem die Ware transportiert wurde.
Aber die Besuche blieben lange Zeit spontan. „Irgendwann haben wir Postkarten geschrieben:
,Nächste Woche kommen wir.’ Das hat gereicht.“ Er lächelt verschmitzt.
Im Januar 1962 gehen Thomas Bischof und Walter Hammel getrennte Wege. Sie
haben unterschiedliche Ansichten, was die Ausrichtung des Geschäfts angeht.
Schwämme haben beide weiterhin im Programm, Thomas Bischof entscheidet sich
für das Geschäftsfeld Schulbedarf, Walter Hammel für die Gebäudereinigung. „Ich
habe von ihm viel gelernt, gerade was das Präparieren der Schwämme betraf“, sagt
er dankbar. „Er hatte die Erfahrung.“


Walter Hammel spezialisiert sich auf die Bedürfnisse der Glasreiniger, den Vorläufern
der Gebäudereiniger. Fensterleder war deren wichtigstes Werkzeug, dazu brauchten
sie noch Tücher zum Einwaschen und Polieren, den Wischer sowie eine Leiter. Er
besucht seine Kunden persönlich, baut sein Wirkungsgebiet langsam aus. Hessen,
die Pfalz und Baden-Württemberg bereist er regelmäßig.
Eine wegweisende Freundschaft beginnt Mitte der 1960er Jahre. Henry Unger will
den deutschen Markt erobern und stellt auf einer Messe in Bad Godesberg seine
Stange für die Glasreinigung vor. Walter Hammel ist überzeugt: „Das setzt sich doch
nie durch.“


Doch dann lässt er sich nicht nur von der Idee überzeugen, sondern findet in dem
US-Amerikaner einen Mitstreiter, Freund und Unterstützer. Aber die Vermarktung der
Stange war anfangs schwierig. „Viele Kunden wollten uns gar nicht empfangen.“
Doch sie setzen sich durch, gehen gemeinsam auf Reisen, um ihre Produkte anzubieten.
Immer noch ist der persönliche Kontakt zu den Kunden das A und O. „Es
waren glanzvolle Jahre“, sagt Walter Hammel. Beide profitieren voneinander, wachsen.
Aus dem Einzelunternehmen Walter Hammel wird Mitte der 1970er Jahre der
Hammel Reinigungsmarkt, gute zehn Jahre später die Harema GmbH, die mittlerweile
knapp 40 Mitarbeiter hat. Die Firma Unger zählt heute international zu den führenden
Anbietern in den Bereichen Glasreinigungsbedarf als auch Reinigungsprodukte
und ist natürlich seit jeher im Produktsortiment der Harema zu finden.
Privatleben kennt Walter Hammel in diesen „glanzvollen Jahren“ kaum. Seine Frau
Else arbeitet mit, die drei Kinder Cornelia, Stefan und Elke sehen ihren Vater eher
selten. Sonntags nimmt er sich frei, um dann den Vormittag doch beim Frühschoppen
zu verbringen. „Urlaub gab es nicht. Wenn Ferien waren, hatten die Gebäudereiniger
Hochkonjunktur und erstanden Grundreinigungen, da musste ich da sein“, sagt er,
und es klingt ein bisschen resigniert. „Ich würde es heute nicht mehr so machen“, gibt
er zu. „Es war eine schöne Zeit, aber mit vielen Entbehrungen.“ 1992 übergab er die
Geschäftsführung an seinen Sohn. Seine Frau Else verstarb im November 1986.
Gemeinsame Freizeit kann er mit ihr nicht mehr verbringen. Er arbeitet noch bis zu
seinem 70. Geburtstag und darüber hinaus, wenn es notwendig war. Danach hat er
sich vom aktiven Geschäftsleben verabschiedet.


Heute ist er ein seltener Gast im Büro. Er hat sich ins Private zurückgezogen, wieder
geheiratet und genießt das Leben nun mit Margot. Zum Frühschoppen geht er auch
nur noch alle zwei Wochen. Lieber mäht er den Rasen oder holt die Entspannung
nach, die ihm in den Jahrzehnten zuvor nicht möglich war. „Stünde ich heute vor
der Entscheidung, was ich tun soll, würde ich was verkaufen, dass einfach in ein
Köfferchen passt.“

 

Text: Volker Beck (Redakteur),  Knittler Medien GmbH, www.reinigungsmarkt.de